Pflichterfüllung

© 1988 Friedhelm Schneidewind

Es stinkt. Jetzt liegst du fast zwanzig Minuten in diesem riesigen alten Rohr, aber der Gestank ist noch immer unerträglich.

Du hörst die PH’s bellen; sie sind schon wieder nähergekommen. Bald haben sie dich! Raff dich endlich auf; lauf weiter. Frag dich nicht mehr, wozu.

Was soll das heißen, irgendwann kriegen sie dich ja doch? Und wenn nicht?

Schon gut... krepierst du halt etwas später ... Aber dann schießt dich wenigstens ein Hundehalter ab, oder du verreckst vor Hunger – immer noch besser als so! Wirklich?

Denk an die Zeit, als alles besser war! Na los schon, laß deine Gedanken mal zurückschweifen – zu Zeiten, in denen ein Mensch noch mehr wert war als ein Hund ...

Mensch, laß das doch jetzt! Renn weiter! Bald haben sie dich. Und du weißt, was dann passiert. Denk nicht so viel. Renn lieber ...

Versuch mal, den Finger auf den Punkt zu legen, der die Wende brachte, den Punkt in der Entwicklung dieses unseres Landes, wo aus der BRD die HRD wurde. Wetten, du könntest es nicht ...
 
 

Vielleicht war es der Tag, an dem die Fünf-Millionen-Arbeitslosengrenze überschritten wurde? Nicht? Dann vielleicht der kurz danach, als der Bundestag jenen Zusatz zum Grundgesetz verabschiedete – GG Art. 2 Abs. 3: »Das Recht eines jeden Hundes (canis familiaris) auf Leben und körperliche Unversehrtheit ist unverletztlich. In dieses Recht darf nur aufgrund eines Gesetzes eingegriffen werden.« Auch nicht? Und wenn das Ganze sogar durchdacht und geplant gewesen wäre? Mit einer Zeitmaschine könnte man die Diskussion der Bonzen beobachten, wie sie auf die Idee kamen, die ehrenwerten Vertreter von Industrie, Parteien und Regierung. Du hast natürlich keine Zeitmaschine. Aber stell’s dir doch mal vor!
 
 

Nein, jetzt nicht! Du hast keine Zeit mehr. Die Bullen müssen bald da sein. Und dann ist’s zu spät zum Wegrennen. Lauf jetzt! Sonst stehst du auch morgen in der Zeitung, mit Foto, der PH über dir. Na lauf doch schon!
 
 

Es fällt dir nichts ein? Nur Schlagworte? Macht nichts. Laß sie ruhig reden.
 
 

»Wir müssen in absehbarer Zeit mit zehn bis fünfzehn Millionen Arbeitslosen rechnen. Weniger ist nicht drin, zu teuer mit all den Umschulungen. Wir brauchen ein Sozialsystem, das die Hälfte der Bevölkerung trägt.« – »Das ist immer noch billiger als Arbeit für alle. Sorgen macht mir nur, was die Leute dann tun ...« – »So etwas wie Brot und Spiele, das bräuchten wir...« – »Brot haben wir genug, und wer hat heute noch nicht seinen Teletext und sein Compspiel?« – »Was fehlt, ist die emotionale Komponente, so was wie im alten Rom mit den Zirkusspielen ...« - »Und die Haustiere? Allein über sechs Millionen Hunde in der BRD!« – »Und die Katzen...« – »Die sind schwerer zu kontrollieren ...« – »Also dann: Brot und Hunde!« »... Gleichstellung ...« – Stille. Dann, resolut: »Wir werden den Gesetzentwurf noch in diesem Monat einbringen. Für die Zustimmung der Koalition kann ich garantieren.« – »Und wir stellen die Tierversuche mit Hunden ein und steigen auf andere Tiere um, natürlich mit entsprechender Öffentlichkeitsarbeit.« »Wir werden das schon schaukeln. Die Werbung wird sofort umgestellt. Devise: Nur mit Hund bist du Mensch!«
 

Ja, daran kannst du dich noch erinnern! Und wie gut es dir ging, damals: Du hattest einen Job, eine Frau, eine Wohnung und einen Hund. Und tut es dir nicht immer noch weh, wenn du daran denkst, wie schnell alles weg war? Kurz nachdem auch der letzte Depp merkte, dass der neue Slogan irgendwie in jeder Werbung steckte – »Nur mit Hund bist du Mensch« –, kurz danach ging’s los: Erst war der Job weg, dann die Frau, zuletzt die Wohnung. Nur der Hund hat’s bei dir ausgehalten, bis zum Schluß. Dreizehn Jahre alt ist er geworden, der Hund. Du warst schon immer ein Hundenarr. Und jetzt ... Lach mal drüber. Denkst du noch manchmal an das Zimmer in der ALS, der Arbeitslosensiedlung?

Verdammt, jetzt ist keine Zeit mehr zum Denken! Auch nicht zum Wundern, dass sie noch nicht da sind. Mach dich auf die Socken, sonst bist du dran ...
 
 

Du hast immer so aufgepaßt. Was hast du dir nur gedacht dabei? Selbst in der Wellblechsiedlung gibt’s Leute, die jeden gleich denunzieren. Und dann der Stein ... der Aufprall, das Jaulen ... du hast doch gesehen, dass er ein Halsbandtape trug. Okay, okay, er hat dir deine Wurst geklaut. Und du hast seit drei Tagen nix mehr im Bauch gehabt. Hättest halt Strafantrag stellen sollen oder sowas ... Und was haste nun davon? Liegst hier in ’nem Betonrohr auf der Müllkippe und die Arme tun dir weh ... Gewicht verlagern ... so ... es ist so still plötzlich ...
 
 

Sie haben dich fast. Und sie wissen es.
 
 

Denk nach! Willst du wirklich von einem Hund zerrissen werden? Brot und Hunde ... Brot und Spiele ... Raff dich endlich auf! Flieh! Wozu? Zum Weiterleben natürlich ... Was heißt hier wie? Wie bisher, wie die anderen auch ... Brot, Kartoffeln, Krill ... »und für Ihren Liebling fünf verschiedene Sorten Fleisch, dann geht’s dem Hundchen gut ...« – zum Totlachen, wenn’s nicht zum Heulen wär ... das hast du nicht nötig, das Totmachen erledigen schon die PH’s für dich. Hau endlich ab, Mann!

Vielleicht ist’s auch schon zu spät. Hörst du sie schon, die Bullen? Jeder mit seinem Hund an der Leine, die Kamera umgehängt. Und heut' abend gibt’s dann wieder Pflichterfüllung. Die Serie mit der höchsten Einschaltquote, behaupten sie. Erinnerst du dich noch an Aktenzeichen: XY ... ungelöst? Die hatten auch immer ihre Zuschauer. Kulturelle Evolution: Brot und Spiele – Brot und Gangster - Brot und Hunde ...
 
 

Die Hunde ... Soviele gibt’s jetzt bei der Polizei, dass man sie einer eigenen Abkürzung für würdig befand. (Klingt gut, nicht wahr? Klopf dir auf die Schulter. Bist ein cooler Typ, auch wenn’s dir gleich an den Kragen – nein, an die Kehle – geht.) PH Polizeihund – Synonym für Bluthund, Liebling der Nation, Killer, Recht und Ordnung ... Wer einem Hund was tut, ist schlimmer als ein Kinderschänder. Bei dem hieß es »Schwanz ab«, heute schreien sie »PH, faß!« – und das heißt Tod!

Hau ab, Mensch! Denk dran, wie du selbst noch groß »HRD« an die Wände geschmiert hast – Hunderepublik
Deutschland –, und wie sie dann mit den PH’s losgingen auf die Sprayer und Kritzler. Da hast du Schiß bekommen. Seit drei Jahren hat niemand mehr einen PH-Angriff überlebt. Und sie wollen’s langsam! Brot und Hunde – Brot und Spiele...

Hörst du sie? »Heut’ ist Haras dran. Seit drei Wochen war er nicht mehr im Programm. Vielleicht wird’s ja was Gutes.«

Wehr dich nicht. Denk an Pflichterfüllung. Nur gute Kämpfe werden gesendet. Stirb, wie du gelebt hast: immer alles schön gefallen lassen... Siehst du den Hund vor dem Rohr?
 
 

Ein schönes Tier. Richte dich etwas auf, damit es leichter an deine Kehle kommt ... Wirklich ein herrlicher Hund. Jetzt ist er im Rohr. Bewundere sein Muskelspiel, wenn er zum Sprung ansetzt ...
 
 

Sieht er nicht aus, als ob er lacht?


Der Text ist entnommen dem Buch »...wie schmelzen deine Blätter« (1993). Er wurde erstmals veröffentlicht in der Zeitschrift »Fantasy-Bote Saarbrücken« (Nr. 9, 1988), später in der »Saarbrücker Studentenzeitung« (Okt. 1989) und im »Saarländischen Kultur-Journal« (2/1991) sowie der Abiturzeitung »Abicalypse Now« 1992.

Die Story ist auch enthalten in den Geschichtenbänden »Traum, Phantasie und Wirklichkeit« (2013) und »Im Weltall viel Neues« (2016) von Friedhelm Schneidewind, beide illustriert von Ulrike Grimm.


Zur Startseite
von Friedhelm Schneidewind



Zum Impressum
von Friedhelm Schneidewind