Zwei Löcher im Spiegel

© Friedhelm Schneidewind


Ihn fror, und die Leiche war schwer. Er sehnte sich zurück nach seinem kalten Hotelzimmer – die Rumänen heizten nur zwei Stunden am Abend, aber dort war ihm im Vergleich direkt warm gewesen. Doch statt bequem im Bett zu liegen, schleppte er nun einen toten Zigeuner durch die Gegend, um ihn zu verbergen.

Nachdem er mit seinem Geländewagen erst einmal einen der Feldwege entlang gefahren war, die man hier dreist Straßen nannte, war das eigentlich gar nicht so schwer. Im Licht des Vollmondes fand er bald ein geeignetes Gestrüpp und war froh, in das kitschige Hotel am Borgo-Paß zurückkehren zu können.

Die zwei Löcher im Spiegel waren der Beweis gewesen: Der Typ hatte auf ihn geschossen. Ihn schüttelte es wieder, als er daran dachte, wie knapp er ihn verfehlt haben musste – genau links und rechts von seinem Spiegelbild waren die Einschußlöcher gewesen, in Schulterhöhe. Die Schüsse selbst hatte er nicht gehört, da war gerade ein LKW den Borgo-Paß hinaufgekeucht. Er war aus dem Zimmer gestürzt und hatte den Attentäter in den verwinkelten Fluren des Hotels gesucht – aber natürlich hatte er ihn nicht gefunden.

Zum ersten Mal war ihm der Rumäne in Hermannstadt aufgefallen, oder Sibiu, wie die Rumänen dazu sagten. Er hatte Geld tauschen wollen in einer Wechselstube und sich in eine einsame Gasse zurückgezogen, um seinen Geldgürtel unter dem Hemd hervorzuholen. Als er ihn wieder verstaute, spürte er, dass er beobachtet wurde, und nachdem er sich umgedreht hatte, sah er einen etwa 40jährigen, schwarzhaarigen schnurrbärtigen Mann am Ende der Gasse stehen, der ihn intensiv anstarrte – vom Aussehen her sicher ein Zigeuner, so einer mit Felljacke und hinterhältigem Blick. Als dieser merkte, dass er ihn gesehen hatte, drehte er sich um und verschwand. Er dachte sich nichts weiter dabei und erledigte den Umtausch und seine Besorgungen.

Als er am nächsten Tag in Klausenburg vom Einkaufsbummel in sein Hotel zurückkehrte – natürlich das teuerste, das »Transsilvania«, denn wenn er schon einmal Urlaub machte, wollte er sich wenigstens etwas leisten, und in diesem Hinterwäldlerland musste man das sowieso, wenn man wenigstens ein wenig Komfort haben wollte –, saß der Typ im Foyer vor der Caféteria, vor sich eine Flasche dieses ekelhaft süßen Rotweins. Da wurde er stutzig. Wie konnte sich ein normaler Rumäne dieses Hotel leisten? Und wieso starrte der ihn so an? In diesen ehemaligen Ostblockstaaten sollte ja überall die Mafia die Hand im Spiel haben. Verfolgte man ihn, weil er an einem neuen Computerprogramm arbeitete? Oder hatte seine geschiedene Frau ihm die Mafia auf die Fersen gesetzt, weil ihr der Unterhalt nicht reichte und sie an das Erbe für die gemeinsame Tochter wollte? Zutrauen würde er es ihr, der Blutsaugerin!

Diese Assoziation ließ ihn innerlich grinsen. Vielleicht war ja seine ehemalige Frau der Grund, dass er sich seit einiger Zeit so sehr für Vampire interessierte und diese Reise auf den »Spuren der Pfähle und Zähne«, der Herren Vlad Tzepesch und Jonathan Harker, beschlossen hatte. Mal ganz davon abgesehen, dass es einfach praktisch war, die Dritte Welt quasi vor der Haustür zu haben und mit ein paar Kröten ein Großmogul zu sein. Die Leute hier waren dem Kapitalismus halt einfach noch nicht gewachsen. Was war schon ein transsilvanischer Vampir gegen einen westlichen Kapitalisten! Dieser Gedanke ließ ihn den schnurrbärtigen Rumänen ganz vergessen.

Aber am nächsten Abend im »Hotel Schloß Dracula« sah er ihn wieder. Als er sich bei der Rezeption darüber beschwerte, dass das Zimmer ungeheizt sei – immerhin war es Ende Oktober auf fast 1200 Meter Höhe abends doch schon empfindlich kalt, obwohl er einen der bekanntermaßen schönen Siebenbürger Herbste erlebte – und ihm in mehr als rudimentärem Englisch versichert wurde, abends werde die Heizung in Gang gesetzt, kam der Typ gerade zur Tür rein. Da packte ihn die Panik. Er rannte durch die verwinkelten Gänge und über die Treppen und konnte die Schritte hinter sich hören, als er die Tür seines Zimmers zuwarf.

Er ging ins Bad – deshalb hatte er ein Doppelzimmer genommen, bei einem Preis von nicht mal 30 Mark ein Klacks – und rasierte sich. Und dann entdeckte er die Schußlöcher im Spiegel. Lange blieb er danach auf dem Zimmer mit dem kitschigen schwarzroten Doppelbett, dem wackligen schwarzroten hohen Stuhl und der rötlichen Lampe, verzichtete auf den geplanten Spaziergang auf den legendären Borgo-Paß, auf dem Jonathan Harker vom Diener des Grafen Dracula abgeholt worden war, und schlief unruhig ein paar Stunden. Dabei träumte er von Dracula und dessen Namensvetter, Vlad Dracul, genannt Tzepesch, der Pfähler; während der eine ihm am Hals knabberte, drehte ihm der andere genüßlich einen eingefetteten Pfahl in seinen Enddarm hinein. Als er erwachte, zitterte er vor Kälte und hatte furchtbare Darmkrämpfe; wahrscheinlich war es doch ein Fehler gewesen, Leitungswasser zu trinken. Er ging erst spät zum Essen hinunter. Natürlich gab es fast nichts mehr, nur Schweinespieß, im Restaurant war es furchtbar kalt – und am Nachbartisch saß der Rumäne.

Als er zu seinem Zimmer zurückging, hörte er wieder die Schritte hinter sich. Absichtlich nahm er den längeren Weg, über den Korridor rund um den Hof, blieb an der Ecke vor seinem Zimmer stehen und zog aus dem Mantel den Degen, den er in Hermannstadt gekauft hatte. Fast 600 Mark hatte er gekostet, aber es war ein echt antikes Stück, und er hatte geplant, ihn in einen Stock einzubauen. Nun konnte er ihn gebrauchen: Als der Rumäne um die Ecke bog und er in dessen Hand etwas glitzern sah, stach er zu. Zu spät sah er, dass der Tote nur den Schlüssel des Nachbarzimmers in der Hand hatte.

Er musste die Leiche beseitigen, und er schaffte es.

Erst als sie ihn eine Woche später an der Grenze verhafteten und darüber aufklärten, dass er einen ungarischen Professor für Geschichte ermordet hatte, der auch auf einer Reise »auf Draculas Spuren« gewesen war, erkannte er, wie vollkommen überdreht er reagiert hatte. Und als sie ihm erklärten, dass jeder rumänische Spiegel Löcher hat, meist unregelmäßige, um ihn zu befestigen, und dass im Hotel Dracula nur die unteren beiden Schrauben gefehlt hatten, war sein einziger Kommentar: »Wäre ich ein Vampir, wäre das nicht passiert, denn dann hätte ich nie in den Spiegel geschaut.«


Der Text ist entnommen dem Buch »Geworfen in die Ewigkeit« (1997) von Friedhelm Schneidewind und auch enthalten im Geschichtenband »Traum, Phantasie und Wirklichkeit« von Friedhelm Schneidewind (2013), beide illustriert von Ulrike Grimm (1997 Ulrike Schneidewind).


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