Hans Huckebein 1990/1995/2015

© 1988 Friedhelm Schneidewind

LESUNG im Bermudafunk, 2003
13.10.2003, MP3: 8:28 Min. · 1,5 MB


»Gar manches ist vorherbestimmt;
Das Schicksal führt ihn in Bedrängnis;
Doch wie er sich dabei benimmt,
Ist seine Schuld und nicht Verhängnis.«

Wilhelm Busch: »Hans Huckebein, der Unglücksrabe«


Hans Huckebein, der trank zuviel.
Das brach ihm das Genick.

 

An diesem Tag war Hans Huckebein wieder betrunken. Das allein hätte den Tag noch nicht zu einem besonderen Tag gemacht, denn betrunken war er jeden Tag. Dass er an diesem Tag sterben sollte, das machte diesen Tag – zumindest für Hans Huckebein – zu einem ganz besonderen Tag.
 

Natürlich hieß er in Wirklichkeit nicht Hans Huckebein, und er war auch kein schwarzer Rabe, aber dieser Spitzname war an ihm hängengeblieben, seitdem seine Schulkameraden rausgekriegt hatten, dass und warum seine Tante ihn immer so nannte. Bei dieser Tante, die der einzige Mensch war, bei dem er sich glücklich fühlte, hatte er eines Tages eine Schale Heidelbeergelee vom Balkon gestoßen und dabei die gesamte im Garten aufgehängte Wäsche mit hübschen schwarzblauen Mustern verziert. Diese Tante, die zu allem Überfluß auch noch Helene hieß (nicht »die fromme«), war eine begeisterte Buschleserin und konnte über den Vorfall herzlich lachen. Doch seinen Spitznamen hatte er von da an weg.
 

An diesem ganz besonderen Tag also torkelte Hans Huckebein durch eines der kleinen Gäßchen in der Fußgängerzone von Saarbrücken und versuchte, ungefähr die Richtung zum St. Johanner Markt zu bewahren. Nicht, dass er dort etwas zu erledigen gehabt hätte – was hatte ein ungelernter und arbeitsloser Jugendlicher heute schon großartig zu erledigen, außer die Zeit totzuschlagen -, aber bei dem schönen Frühlingswetter konnte er sicher sein, dort ein paar Jungs zu treffen, mit denen er quatschen und saufen konnte. Ab und zu blieb Hans Huckebein an einem der kleinen Schaufenster stehen, die die Fröschengasse säumten, nicht, um etwas anzusehen, sondern nur, um mit Hilfe der so schön senkrecht stehenden Glasscheiben sein Gleichgewicht einigermaßen wiederzufinden. Heute hatte er wohl doch schon etwas zu viel getrunken – am frühen Morgen hatte ihm wieder mal, nach einer frustrierenden Nacht, ein Mädchen den Laufpaß gegeben, und so versuchte er sich darüber hinwegzutrösten, dass er einfach nicht in der Lage war, seine freie Zeit so herrlich zu Selbstfindung, Selbstverwirklichung usw. auszunutzen, wie es die Redner der Bundesregierung und der Wirtschaftsorganisationen den Arbeitslosen immer empfahlen (»Arbeitslosigkeit ist eine Chance ...«). Dieser Gedanke deprimierte ihn jetzt völlig, und so setzte er schnell nochmal die fast leere Flasche an.
 

An diesem ganz besonderen Tag hatte eine der örtlichen Friedens- oder Antiatom- oder Sonstetwas-Bewegungen wieder mal zu einer Demo aufgerufen mit anschließender Kundgebung auf dem St. Johanner Markt (aber woher, bitte sehr, hätte Hans Huckebein das schon wissen sollen, und wenn er es gewußt hätte, hätte es auch nichts geändert). Hier sollte man vielleicht einfügen (damit der/die Leser/in, wie es sich in einer ordentlichen Geschichte gehört, auch über alles informiert ist), dass Hans Huckebein natürlich niemals Zeitung las und höchstens einmal zufällig Nachrichten hörte. Sein Interesse an der Politik war nur einmal erwacht, als so ein Typ mit einem Button »Null Bock auf mich« ihn dazu überreden wollte, eine neue Partei mitzugründen, deren einziges Ziel es sein sollte, für eine ordnungsgemäße und ökologisch vertretbare Selbstausrottung der Menschheit einzutreten. Aber die Sache war dann irgendwie eingeschlafen, und seit jener Zeit interessierte sich Hans Huckebein nur noch für sich selbst.
 

An diesem besonderen Tag nun, von dem hier die Rede sein soll, hatten die Bullen natürlich längst alles vorbereitet, um die (selbstverständlich legale) Kundgebung auf (selbstverständlich) legale Weise wieder aufzulösen. Genügte doch nach dem neuen Demonstrationsstrafrecht schon die Tatsache, dass ein/e einzige/r Anwohner/in sich in seiner/ihrer wohlverdienten Ruhe gestört fühlte, um die Kundgebung sofort für illegal zu erklären. Und wer nach der ersten Aufforderung nicht rechtzeitig verschwand, hatte halt die Folgen zu tragen... (Doch woher, muss ich noch einmal fragen, hätte Hans Huckebein das schon wieder wissen sollen? Und auch, wenn er das und vieles mehr gewußt hätte – geändert hätte es ja doch nichts!)
 

An diesem besonderen Tag also setzte sich ein jetzt doch ziemlich gefühlsduseliger Hans Huckebein auf einen der niedlichen Steine Marke Obelix, die da seit neuestem überall um den Brunnen am St. Johanner Markt rumstanden und -lagen, eben damit man sich darauf setzen konnte, und wunderte sich nur ein bißchen, dass da soviele Leute um ihn herumstanden und noch viel mehr Bullen mit Schilden, Helmen, Schlagstöcken und Hunden. Der kleine Kasten, den ein paar Polizisten zwischen sich stehen hatten und mit Argusaugen bewachten, fiel ihm gar nicht erst auf.
 

An diesem besonderen Tag sollte der Ersteinsatz einer Waffe erfolgen, die in Polizeikreisen unter dem Namen DINO bekannt ist (Distanzwaffe zur Inhaftierung von Demonstranten mittels eines Netzes von oben) und die später von einer im Untergrund operierenden Zeitung den sinnigen Namen PIMMEL erhalten sollte (Polizeiwaffe zur Inhaftierung mittels eines Maschennetzes von einiger Länge). Doch selbst wenn Hans Huckebein das alles gewußt hätte – was er unmöglich konnte –, geändert hätte es nichts!
 

An diesem besonderen Tag also war Hans Huckebein immer noch relativ wenig erstaunt, als er sich plötzlich inmitten einer größeren Menschenmenge wiederfand. Er sah zwar die Schlagstöcke, die an deren Rand durch die Luft pfiffen, aber seine Erfahrung mit Demonstrationen und Grünröcken war zu gering, um zu wissen, dass die Demonstrant/innen zusammengedrängt und eingekesselt wurden. Seine einzige Sorge war, dass sein Flachmann – die Rotweinflasche war inzwischen leer – nichts abbekam, und so stellte er sich hin und hielt ihn hoch über die Köpfe der Leute, ab und zu einen Schluck nehmend. Sonst machte er sich keine Sorgen – er hatte ja nichts Unrechtes getan.
 

Dieser ganz besondere Tag war ein großer Tag für jenen deutschen Chemiekonzern, der mit der Entwicklung der neuen Distanzwaffe nun endgültig die Marktführung auf diesem Gebiet übernommen hatte. Bei dem Netz handelt es sich um ein einziges Makromolekül. Ein Klumpen aus einem solchen Molekül wird in entsprechender Dosierung – Standardgrößen werden billiger geliefert – direkt über die Gruppe geschickt, die gefangengenommen werden soll. Das Molekül entfaltet sich bei Erreichen der Wirkhöhe (etwa zwei Meter) zu einem Netz mit Maschen von etwa fünfzehn bis zwanzig Zentimeter Seitenlänge. Das Material ist trotz seiner Dünne stabiler als Stahldraht. Man muss nur noch die Ecken aufnehmen und das Netz zusammenziehen, und die Inhaftierung ist abgeschloßen. (Hätte Hans Huckebein das alles gewußt - ja, dann wäre vielleicht alles noch anders gekommen. Doch wer konnte das damals schon wissen!)
 

Und deshalb war dieser besondere Tag auch für die Friedens- und Umweltbewegung ein wichtiger Tag. Denn so bedauerlich es für Hans Huckebein auch war: Sein Schicksal gab Aufschluß über Wirkungsweise und Gefahren von DINO/PIMMEL. Und so kam es, dass von diesem Tage an Demonstrant/innen, die das Netz über sich herabschweben sahen, sogleich die Igelhaltung einnahmen, und das ist der Grund, dass man statt von Demo heute meist von »Iglo« redet.
 

Dass dies ein besonderer Tag war, wurde auch Hans Huckebein langsam klar, als er plötzlich nicht mehr an seinen Schnaps kam. Denn der Arm, mit dem er den Flachmann hielt, steckte in einer seltsamen Schlinge aus dünnem Draht oder etwas ähnlichem, ohne dass er wusste, wie das gekommen war. Überhaupt schien dieses Zeugs überall zu sein; alle Leute waren damit bedeckt. Das wäre ja nicht weiter schlimm gewesen, wenn er nur an den Schnaps gekommen wäre. Die Leute standen zu dicht um ihn herum, als dass er den Arm aus der Schlinge hätte ziehen können ... Und dann hatte Hans Huckebein die Idee: Er fuhrwerkte solange herum, bis er auch den Kopf in einer Schlinge hatte. Jetzt kamen Hand und Mund endlich wieder zusammen. Glücklich nahm er einen großen Schluck.
 

Und das war der Moment, in dem sie das Netz zuzogen.
 

Hans Huckebein, der trank zuviel.
Das brach ihm das Genick!


Der Text ist entnommen dem Buch »...wie schmelzen deine Blätter« (1993,  illustriert von Ulrike Schneidewind)

Titel ursprünglich: »Hans Huckebein – A.D. 1995«; leider ist die Story aktueller denn je ...


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