Entwicklungshilfe

© 1995 Friedhelm Schneidewind


»Papa! Warum tut der Doktor meinem Bruder so weh, dass er schreit?«

»Er will ihm nicht weh tun, er muss ihn impfen, damit er nicht krank wird. Du hast doch gesehen, dass sie das bei allen kleinen Kindern machen.«

»Und warum müssen da fremde Leute kommen? Warum machst du das nicht, du bist doch auch Arzt?«

»Ich habe aber keine Medikamente mehr, und vielleicht wissen die das auch gar nicht. Sei jetzt still.«

Natürlich wissen die’s. Ja, du Hurensohn da vorne, grins nur in dich rein. Du weißt ganz genau, dass ich ein besserer Arzt war als du je sein wirst. Nur weil du von der UNO geschickt wirst, hast du noch lange keine Ahnung von dem, was hier wirklich läuft. Kommst von irgendeiner eurer Eliteuniversitäten und denkst, jetzt kannst du uns zeigen, was Sache ist. Unsere Jahrhunderte alte Tradition zählt nicht mehr. Unsere Krankenschwestern und Ärzte laßt ihr links liegen, als gäbe es uns nicht. Nur weil unsere materiellen Ressourcen zerstört sind, tut ihr so, als hätten wir auch keine personellen. Jetzt zahlt ihr uns alles heim. Dabei möchte ich mal wissen, wie ihr das weggesteckt hättet: Erst der Klimawechsel, dann die Vulkanausbrüche, die ganzen Störfälle in den Kernkraftwerken und schließlich der Bürgerkrieg. Na, damit habt ihr ja Erfahrung, auch wenn das bei euch schon etwas her ist. Dreh dich mal um und schau mich an, damit ich sehe, was für ein schwarzer Heini mich hier zum Hilfeempfänger degradiert.

»Papa, warum hat er so mit dem Fuß aufgestampft, bevor er raus ist?«

»Das war eine Beleidigung. Der Saukerl hat uns beleidigen wollen!«

»Aber wieso das?«

»Er hat auf die Erde getreten, verstehst du? Erde, ERD. Das musst du buchstabieren: E – ER – DE. So nennen sie uns neuerdings, die Kaffern: Entwicklungsrepublik Deutschland.«


Der Text ist entnommen dem Buch »Geworfen in die Ewigkeit« (1997) von Friedhelm Schneidewind. Er wurde erstmals veröffentlicht in der Zeitschrift »Saarländisches Kultur-Journal« 2/1995. Er ist auch enthalten im Geschichtenband »Traum, Phantasie und Wirklichkeit« von Friedhelm Schneidewind (2013), beide Bücher wurden illustriert von Ulrike Grimm (1997 Ulrike Schneidewind).


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