Abgeschnitten

© 1997 Friedhelm Schneidewind

LAGERFEUER-LESUNG Elbenwaldspektakel, 2010
16.06.2010, MP3: 9:13 Min. · 3,7 M


Ich schreibe dies hier jetzt auf, weil ich nicht weiß, ob ich es bis zur Station packe. Mein Fieber wird immer schlimmer, und ich habe Pudding in den Beinen. Ich habe kaum noch was zu essen – aber das ist auch ganz gut, weil ich nicht so viele Dosen schleppen muss. Durst habe ich keinen, Wasser gibt’s hier genug. Aber ob ich es zurück schaffe, weiß ich wirklich nicht. Deshalb schreibe ich jetzt auf, was uns passiert ist.

Ich wiederhole mich. Ich muss aufpassen, muss mich konzentrieren. Ich war immer bekannt für meine guten Essays, dann werde ich doch den hier nicht versauen, erst recht nicht, wenn es mein letzter werden sollte.

Ich habe das Bewusstsein verloren, und als ich aufgewacht bin, lag ich mit dem Kopf nur wenige Zentimeter neben einer marschierenden Ameisenkolonne. Es ist mir schwergefallen, mir zwischen ein paar Bäumen einen Unterstand zu bauen, aber ich glaube, die Zeltplane hält. Ich liege jetzt in meinen Schlafsack, habe nur eine Unterhose an; meine letzte. Ich habe mir, als ich bewußtlos war, in die Hose gemacht, und nun habe ich keine saubere mehr, meine Kleider waren bei Olli im Rucksack. Die verschissene Hose habe ich weit weg in den Urwald geworfen - wie ich mich fühle, habe ich wahrscheinlich den Weitwurfrekord für Ameisen gebrochen.

Ich fange an zu schwafeln. Ich hätte eine Schwäche für lyri-sche Abschweifungen, hat mir mehr als ein Lehrer vorgeworfen, bei einem Wissenschaftler sei das unverzeihlich. Aber immerhin hat mir das ein gutes Auskommen als Journalist gesichert. Und jetzt hat es mich ins Verderben geführt.

Warum mussten Olli und ich uns auch in den Kopf setzen, in unserem Urlaub in Südamerika zu recherchieren, statt uns irgendwo an den Strand zu knallen oder ein paar Mädchen aufzureißen. Aber bei uns beiden war die Neugier zu groß, und die Abenteuerlust, nachdem wir von dem geheimnisvollen Verschwinden der deutschen Kommune gehört hatten. Natürlich hat keiner von uns daran geglaubt, was zu finden. Fast zwanzig Jahre war es schließlich her, dass sich diese 50 langhaarigen Typen aufgemacht hatten, um irgendwo im Urwald eine »freie urkommunistische Kommune« zu schaffen. Sie waren sicher gewesen, es gäbe dort, etwa fünf Tagesreisen von der Stadt entfernt, die Überreste einer Siedlung, uralte Ruinen, in denen sie leben wollten, frei und glücklich. Man hatte niemals wieder von ihnen gehört.

Und wir waren blöde genug, sie suchen zu wollen. Wollten uns eine Riesengaudi draus machen, eine Art Abenteuerurlaub, um denen dann stolz die neuesten Errungenschaften der Zivilisation zu zeigen, wie den neuen wasserdichten »Outdoor-Notebook« mit Solarzellen, auf dem ich dies schreibe. Und natürlich dachten wir auch an die Berichte und Fotos, die wir zuhause verkaufen würden – und an die Frauen.

Es sollten etwa 30 Frauen und 10 Männer gewesen sein damals, der Rest Kinder, hatte man uns erzählt. Unter denen waren sicher auch ein paar Mädchen gewesen. Vielleicht sehnten die sich ja mal nach einem zivilisierten Mann!

Was waren wir blöde. Abenteuer hatten wir satt, und wenn ich ehrlich bin ...

Ich war wieder kurze Zeit bewusstlos. Ich muss den Tatsachen ins Auge sehen: Wenn nicht jemand nach mir sucht, werde ich hier verrecken. Alleine komme ich nicht mehr weg. Das Fieber wird immer schlimmer, und ich fühle mich wie ein ausgelutschter Kaugummi. Ich habe zwar Verbandszeug einstecken, aber die Apotheke hatte Olli dabei. Wir waren natürlich viel zu eingebildet, um damit zu rechnen, wir könnten getrennt werden.

Ich versuche, das alles fertig aufzuschreiben, und vielleicht wird es mal gefunden. Ich werde den Notebook in eine Astgabel stellen; wenn er zu und aus ist, müßten die Solarzellen reichen, um die Daten zu erhalten.

Wieso bin ich eigentlich so ruhig? Olli ist tot, und ich werde bald sterben. Ob das das Fieber ist? Oder stehe ich unter Schock? Immerhin war es ziemlich grausig, was ich da gesehen habe ...

 

Nachdem wir die Ruinen gefunden hatten, haben wir unser Lager aufgeschlagen und uns gründlich ausgeschlafen. Am späten Morgen brachen wir auf und schlichen zur Stadt.

Die Stadtmauer war noch relativ gut erhalten; wir mussten etwa zwei Stunden an ihr entlangmarschieren, bevor wir auf eine Öffnung stießen. Von dem ehemaligen Tor war natürlich nichts mehr da, aber die neuen Bewohner hatten die Öffnung mit Brettern vernagelt.

Das Schild davor hätte uns eigentlich warnen sollen. Es war ein einfach gemachtes Holzschild, schon ziemlich verrottet, die Farbe war ganz verblasst, aber man konnte das Zeichen doch noch erkennen: den allzu vertrauten Kreis mit dem Pfeil schräg nach oben, das Männerzeichen – und es war durchgestrichen.

Wir haben das nur als Witz gesehen. »Wahrscheinlich haben die Frauen da inzwischen die Macht übernommen, und die Männer stehen am Herd«, hat Olli gegrinst.

»Ach was«, habe ich gelacht, »das Schild haben die Männer aufgestellt, damit sie keine Konkurrenz bekommen. Die müssen doch leben wie der Hahn im Korb.«

Die Ruinen waren schon sehr eindrucksvoll; zerfallen, wie sie waren, unterschieden sie sich kaum von alten Ruinen aus unseren Breiten. Man hätte sich in eine deutsche Stadt versetzt fühlen können, 20 Jahre nachdem Biblis hochgegangen war. Mit alten Häusern ist es wie mit alten Menschen: Umso mehr sie zerfallen, desto weniger kann man ihre Rasse oder Herkunft erkennen, umso ähnlicher werden sie sich. Archäologen sehen sowas wahrscheinlich anders, aber das war halt mein Eindruck. Und der wurde immer stärker.

Ich begann zu zittern und fühlte mich, als wäre ich in einen dieser alten Filme geraten, so einen Abenteuer-Film mit Alan Quartermain oder – ja, in die »Zeitmaschine«. Es machte keinen Unterschied mehr, ob ich in Südamerika war oder Europa, in der Vergangenheit, der Gegenwart oder einer sinnlosen Zukunft.

Ich setzte mich auf eine halbverfallene Steinstufe und versuchte, mich zu beruhigen. Ich sah Olli um die nächste Ecke verschwinden; er hatte mein Innehalten nicht bemerkt. Die feuchte Hitze war auch zu drückend, als dass wir viel miteinander gesprochen hätten; er dachte sicher, ich sei hinter ihm.

Ich raffte mich auf und wankte hinter ihm her. Aber ich kam nicht weit; nach ein paar Schritten stolperte ich und fiel hin. Alles um mich drehte sich.

 

Als ich die Augen wieder öffnete, sah ich über mir zunächst nur ein Stück blauen Himmel. Es war, als sähe ich durch ein Fernrohr. Mit einem Schlag erweiterte sich mein Blickfeld; wie in einem extremen Weitwinkelobjektiv stürzten plötzlich die leeren Häuser auf mich ein, drohten mich zu erschlagen.

Und dann begann der Schrei. So etwas Entsetzliches hatte ich noch nie gehört. Und er hörte nicht auf, wurde immer schriller. Auf einmal war es ruhig. Totenstill. Und mich packte die Angst.

Die Häuser starrten sich an, ungerührt, mitleidlos, wie Skelette mit ihren leeren Fensterhöhlen. Ich hörte, wie sie miteinander flüsterten, leise, damit ich sie nicht verstehen sollte. Aber ich verstand sie doch:

»Hört nur, sie bringen sich gegenseitig um, wie sie uns umgebracht haben.«

»Ja und? Warum sollen wir Mitleid empfinden mit einem Menschen, einem jener Geschöpfe, die uns verfallen ließen?«

Natürlich habe ich mir das eingebildet. Vielleicht habe ich es mir auch erst später ausgedacht – nachdem ich auf meiner Flucht Olli gefunden hatte, die Kehle sauber durchgeschnitten. Er lag auf dem Rücken, seine toten Augen starrten mich an, der Mund war zu einem lautlosen Schrei aufgerissen, und seine Hände waren unterhalb des Bauches in seine Hose verkrampft. Alles war da unten voller Blut. Ich konnte nicht viel erkennen, aber ich wusste, dass sich darunter eine klaffende Wunde verbergen musste.

Ich ließ Olli einfach liegen, drehte mich um und rannte davon.

Ich bin da ganz sicher etwas durchgedreht.

Aber auch wenn ich mir das mit den Häusern eingebildet habe, eins steht fest: Keiner von uns hat recht gehabt. Ja, die Frauen dort haben die Macht übernommen. Aber sie haben auf unwiderrufliche Weise dafür gesorgt, dass sie diese nie wieder abgeben müssen. Das bewiesen die männlichen Skelette am Stadtrand, über die ich bei meiner Flucht gestolpert bin. Nachdem ich Olli gefunden hatte. Nachdem ich geflohen war.

Geflohen vor diesen Schritten, schnell und laut, fast wie gehetzt, die da aus der Straße erklangen, in der Olli verschwunden war. Geflohen vor dieser Frau, die da um die Ecke kam, selig lächelnd. Sie pfiff vor sich hin, und sie tanzte an mir vorbei, ohne mich zu sehen, denn ich hatte mich hinter ein Mäuerchen geworfen – dabei habe ich mir die Wunde geholt, die mich nun umbringt. Aber die habe ich in dem Moment nicht gespürt. Ich sah nur die Frau. Ich werde nie ihr Gesicht vergessen. Sie sah so – zufrieden aus, ja, richtig glücklich.

Und dann verschwand sie in einem Keller, und die ganze Zeit schwang sie dieses Bündel in der linken Hand, und die Blutstropfen flogen davon und glitzerten im Sonnenschein, und das Messer in ihrer rechten Hand hat nur so geblitzt in der untergehenden Sonne.


Der Text ist entnommen dem Buch »Geworfen in die Ewigkeit« (1997) von Friedhelm Schneidewind und auch enthalten im Geschichtenband »Traum, Phantasie und Wirklichkeit« von Friedhelm Schneidewind (2013), beide illustriert von Ulrike Grimm (1997 Ulrike Schneidewind).


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