Schön oder gut?

Gedanken zur Kunstkritik 
(und damit auch zu meiner Funktion als Rezensent, etwa im Vampyr-Journal)

© 1995 Friedhelm Schneidewind 

(ursprüngliche Fassung: Saarländisches Kultur-Journal 5/1995)


»Wie Buridans Esel schwankt die Literaturwissenschaft zwischen der Überzeugung, das literarische Produkt spreche für sich selbst, und der anderen Überzeugung, die Biographie des Autors und die Entstehungsgeschichte des Werkes könnten zur Deutung und Erhellung beitragen«, heißt es in Hermann Ebelings Nachwort zur deutschen Frankenstein-Ausgabe von 1970.

Die hier angesprochene Streitfrage: Kann – oder gar: soll – ein Werk für sich stehen? Muß - oder darf – ich die Person, die es geschaffen hat, bei der Bewertung berücksichtigen? - diese Streitfrage ist nicht ein Thema der Literaturwissenschaft alleine, nein, sie bewegt alle Kunstsparten seit Jahrzehnten, und sie ist immer wieder bestens geeignet für Kneipen- und Streitgespräche mit Künstlern und Künstlerinnen, besonders aber mit Leuten, die Kunst lehren – und natürlich jener speziellen Sorte Mensch, die das drittälteste Gewerbe der Welt ausübt: die Kunstkritik.

Als eines jener unglücklich-glücklichen Geschöpfe, die die ab und an die Feder spitzen zum Lob oder Verriß und dann selbst immer wieder derenthalben gnadenlos verrissen werden (oder gan nicht erst gelesen), sehe ich mich genötigt, in einer selbst Künstlern verständlichen Form darzulegen, worum es meiner Ansicht nach bei einer Kritik geht, was ihr Wesen ausmacht und was ich dabei zu beachten habe. Ob mir dies immer gelingt, sei dahingestellt, doch mögen mir die von mir Kritisierten nach der Lektüre vielleicht mit etwas mehr Verständnis begegnen.

Es gibt drei Kriterien für die Bewertung eines Werks:

Je nach der Rolle, in der ich mich befinde, erhalten diese Kriterien für mich eine unterschiedliche Gewichtung. Als Kunstgenießer, als Rezipient, zählt das zweite weitaus mehr als das erste; als Kritiker muss ich dies umgekehrt sehen.

»Nicht immer ist auch gut, was schön ist«, schreibt Leonardo da Vinci – das gilt auch umgekehrt. Ob etwas »gut gemacht« ist oder ob es mir gefällt, sind zwei getrennte Aspekte. Einmal abgesehen von unterschiedlichen kulturellen Prägungen – wer bei uns kann schon ohne gewissen Vorbildung chinesische Musik goutieren oder die Kunst der Ainu? –, hat jeder Mensch seine eigenen Vorlieben, seinen eigenen Geschmack. Ich gebe zu, dass es hervorragend gemachte Rockmusik gibt – aber vieles davon gefällt mir nicht. Kaum jemand wird bestreiten, dass Bach oder Mozart ihr Handwerk verstanden – aber trotzdem gibt es viele Leute, die ihre Musik nicht mögen. Handwerkliche und künstlerische Qualität sind weder die Voraussetzung noch die Garantie für Gefallen – das belegen der Kitsch und der Schund, die in Massen gekauft werden, und der kommerzielle Mißerfolg vieler hervorragender Werke – und dies gilt für alle Kunstsparten.

Natürlich hängt auch die Bewertung der Qualität stark vom eigenen kulturellen Hintergrund, von Kenntnissen und Erfahrungen ab. Objektivität ist hier, wie so oft, eine Schimäre, der ich als Kritiker jedoch nachjagen muss. Auf jeden Fall muss ich in meiner Kritik scharf trennen zwischen der Qualität des Werkes und meinem persönlichen »Gefallen« daran. Dieses darf ich ruhig formulieren, wie auch mein Mißfallen – ich muss dies dann aber deutlich kennzeichnen, so wie ein Journalist gehalten ist, deutlich zwischen Meldung und Kommentar zu trennen.

Das dritte Kriterium bezieht sich auf die am Anfang erwähnte Streitfrage. Allgemein formuliert lautet sie: Muß ein (Kunst-)Werk für sich alleine stehen können, oder sollten die Umstände und Zeit seiner Entstehung berücksichtigt werden und die Persönlichkeit jenes Menschen, der es geschaffen hat? (Hierbei möchte ich die immer wieder aufflackernde Diskussion ganz außer acht lassen, ob ein Mensch überhaupt ein Kunstwerk »schaffen« kann.)

Für mich ist ein Kunstwerk nur eines, wenn es für sich selbst steht. »›Kunst‹ ist als Setzung zunächst und vor allem deren Behauptung«, schreibt Peter Iden zu Christos Reichstagsverhüllung. Damit ist sie immer auch nur als solche zu erkennen im Hier und Heute. Nicht alles, was früher als Kunst galt, muss ich jetzt noch als solche anerkennen; oft wird auch im Laufe der Zeit Kitsch zu Kunst – und umgekehrt.

Zunächst zählt für mich nur das Werk. Mögen die Umstände der Entstehung oder die Persönlichkeit des oder der Schaffenden noch so außergewöhnlich gewesen sein oder das Werk einzigartig oder das erste seiner Art: Das alles ist interessant im Rahmen einer kunstgeschichtlichen Betrachtung oder einer historischen oder soziologischen, macht aber das Werk weder besser noch schöner! Wenn jemand ein Lied auf Socken aus dem KZ schmuggelt, mag dies das Lied bedeutsam, erregend, wichtig machen, aber es wird dadurch nicht automatisch zu einem guten oder schönen Lied. Wenn »Dracula« der erste Roman mit einer neuartigen erzähltechnik war, wie manche behaupten, mag ihn das literaturhistorisch interessant machen (bis man vielleicht doch einen früheren Vertreter dieser Art ausgräbt), und ganz sicher ist dieser Roman bedeutsam aufgrund seiner Wirkungsgeschichte, die bis heute reicht – aber das Buch bleibt trotzdem ein mittelmäßiger Trivialroman. Und ein einsames rotes Viereck auf weißem Grund kann eigentlich nur aus kunsthistorischer Sicht bedeutsam sein.

Im Gegensatz zu einer weit verbreiteten Ansicht scheint es mir zunächst unerheblich, ob ich ein Werk als Künstler, als Rezipient, als Kritiker oder als Wissenschaftler betrachte. Ich wende in jeder dieser Funktionen, die ich am Anfang noch gar nicht trenne, die drei Kriterien an. Ich bin nämlich ein ganzer Mensch und teile mich nicht nach Funktionen auf. Diese beeinflussen erst die Darstellung nach außen – es ist ein Unterschied, ob ich meine Meinung am Stammtisch kundtue, unter Schriftstellerkolleginnen und -kollegen oder in einer Kritik in einer Zeitschrift.

Natürlich berücksichtige ich, wenn ich Kritiken schreibe, besonders das erste Kriterium – das der Qualität – und vom dritten die evtl. Bedeutung für mögliche Leserinnen und Leser. Meine persönlichen Vorlieben spielen aber durchaus eine Rolle, wenn es z. B. um die Auswahl des Besprochenen geht. Eine in welchem Sinne auch immer zu verstehende »Vollständigkeit« ist sowieso nicht zu erreichen. Gerade in einer kleinen Zeitschrift sehe ich meine Aufgabe nicht darin, das vorzustellen, was die großen Tages- und Wochenzeitungen schon durchgehechelt haben (es sei denn, ich bin dezidiert anderer Meinung!). Ob es um Bücher geht oder Schauspiel, Musik oder Kleinkunst: Ich möchte meinen Leserinnen und Lesern das vorstellen, was sonst etwas im Schatten steht und was ich interessant und gut finde, und ich möchte sie ab und zu warnen vor dem eher Schlechten – ein Verriß macht auch mal Spaß! Die Auswahl aber bleibt immer geprägt von meinen Vorlieben – und das müssen eben auch die Kunstschaffenden akzeptieren.

»Die Klarheit ist die Höflichkeit des Kritikers, die Deutlichkeit seine Pflicht und Aufgabe.«
(Marcel Reich-Ranicki, 1920 – 2013)

»Aufrichtigkeit ist die erste Pflicht des Kritikers.«
(Marcel Reich-Ranicki 2004 in der Talkshow »Menschen bei Maischberger«)

»Deutlichkeit heißt das große Ziel der Kritik.«
(Marcel Reich-Ranick 1970 in »Lauter Verrisse«)

»Der Kritiker hat keine Angst als Tadler zu gelten. Jeder vernünftige Mensch ist gefasst, dass die die Mehrzahl aller Kritiker tadeln muss.«
(Alfred Kerr, 1867 – 1948: 1917)


Zur Startseite 
der Villa Fledermaus



Zur Startseite 
des Vampyr-Journals


Zur Seite von 
Friedhelm Schneidewind